Hund Shavi am Fluss

Ein Spaziergang am Fluss oder: Wie begegnen wir uns?

Wie kann ich mir gerade dort begegnen, wo ich wirklich bin?

Nicht dort, wo oder wie der Kopf mich gerade gerne hätte. Sondern dem Menschen, wie er jetzt in diesem Moment da ist. Mit genau diesem Körper, diesem Geist und auch dieser Seele.

Diese Frage begleitet mich seit einigen Jahren immer mal wieder. Mal ist sie weniger laut und eher wie ein sanftes Rauschen im Hintergrund, das mich ab und zu erinnert. Doch seit ein paar Wochen klingt sie besonders laut in meinem inneren Ohr. 

Vielleicht wurde sie mir zur Sonnenwende Ende Juni geschenkt. Vielleicht zeigte sie sich zum Beginn eines neuen Zeremonienzyklus im Mayakalender in derselben Woche. Vielleicht hat der Wind im Bambus sie mir ganz unbemerkt bei einem Spaziergang am Fluss zugeflüstert.

Sie war auf einmal da, stärker als zuvor. Und wollte nicht mehr so richtig gehen.

Also beginne ich zu lauschen:
Wie geht es meinem Körper gerade?
Was beschäftigt meinen Geist?
Und wie fühlt sich meine Seele?

Allein sich diese Fragen ehrlich zu stellen und mit jeder Antwort, die kommen möchte, okay zu sein, gleicht manchmal schon einer wahren Mutprobe. Bevor diese Zeilen durch mich geflossen und den Weg in diesen Beitrag gefunden haben, fühlten sich Körper, Geist und Seele so gar nicht im Einklang. Der Kopf regte sich über die Bauarbeiter und das Hundegebell am frühen Samstagmorgen auf. Der Körper war irgendwo zwischen “das Bett nicht verlassen” und “ganz schnell hier weg und ins Dorf zum Mercado Organico, bevor die besten Tomaten weg sind.” Die Seele schmunzelt jetzt ganz schön beim Gedanken an diesen Morgen.

Egal wie weit entfernt voneinander dieses Dreigespann wirkt, irgendwann treffen sie sich immer. Und dieser Ort ist immer derselbe: das Hier und Jetzt.

Der Körper kommt meistens als Erstes an diesem mysteriösen Ort an. Was vor fast 10 Jahren auf einer Yogamatte in einem Fitnessstudio in Mannheim begann, ist über die Jahre zu meinem liebsten Wegweiser in Richtung Jetzt geworden. Oft war und ist genau diese Yogamatte oder auch ein Meditationskissen Teil dieser Reise. Doch je mehr Stunden ich mit und auf ihnen verbringe, desto klarer wird mir, dass sie nicht nötig sind.

Wenn das Körperbewusstsein da ist, dann bin ich da. Egal, wo ich mich gerade physisch befinde. Ich kann ankommen, indem ich wahrnehme, wie der Körper atmet. Ich kann dorthinfinden, wenn die Füße auf der Erde spürbar sind. Bewusstes Gehen, Tanzen, Schütteln oder im Meditationssitz das Kribbeln der Hände auf den Knien beobachten. All das sind Wege und Praktiken, die ich und auch der Körper, in dem ich leben darf, mögen. Vielleicht magst du genau jetzt ja mal eine davon ausprobieren. Vielleicht magst du dir sechs Minuten Zeit nehmen und der Audio lauschen. Vielleicht hast du deinen ganz eigenen Weg, um dem Körper in diesem Moment zu begegnen. Fühl dich frei.

Wie war mein Körper denn nun an diesem Samstagmorgen mit Marktplänen und Hundegebell da? Während der Geist schon jede Menge Energie ins Genervtsein und Planen steckt, ist der Körper noch voll am Wachwerden und möchte erstmal im Tag ankommen. Ein paar bewusste Atemzüge tun ihm gut, recken und strecken, Gelenke sanft bewegen. Der Druck, genau jetzt zum Markt aufzubrechen? Der kommt sicher nicht aus dem Körper. Das waren doch wohl nur Gedanken, die mit dem wachsenden Bewusstsein im Körper auch aus dem Kopf ziehen dürfen. Dafür muss ich gar nichts tun. Hier zu sein reicht völlig aus, mysteriös und doch immer wieder so. 

Und in diesem Sein tauchen auch immer mal wieder Gedanken auf, während ich mit Körper, Geist und Seele im Gepäck am Fluss entlang spaziere.

Was ist denn nun mit den Tomaten auf dem Markt?
Wird es denn auch noch die leckeren Oliven aus Peru geben?
Ein Kakao im Dorf danach ist doch auch eine gute Idee – oder darf es heute lieber ein Kaffee in einem anderen Cafe sein?

Der Körper scheint unbeeindruckt von diesen Fragen. Er geht weiter, bleibt immer mal wieder stehen und genießt das Spiel aus Sonne und Wind am Morgen, das Rauschen des Flusses. Wo der Geist vorher tief in Geschichten eingetaucht ist, ist jetzt Raum. Raum, in dem der Körper spüren und Gedanken einfach kommen und gehen dürfen. Und genau in dem Raum zeigt sich auch die Seele mit einem fetten Schmunzeln. Anscheinend tut sie generell wenig außer Schmunzeln und Beobachten. Sie war schon da, bevor die Gedanken über Tomaten und Hundegebell auftauchten. Und sie bleibt auch, wenn sie längst wieder weitergezogen sind. 

Wie kann ich mir gerade dort begegnen, wo ich wirklich bin?

Vielleicht ist der wirklich wichtige Teil dieser Frage nicht das „Wie“, sondern das „Wo“. Denn immer dann, wenn ich im Hier und Jetzt ankomme, dort, wo auch meine Seele schon längst auf mich wartet, wird das Wie erstaunlich unwichtig. Dann ist da einfach Begegnung. Auch ganz schön mysteriös. Und dennoch immer wieder wahr.

PS: Einen Herzensdank an Sven Ullmann für seine Tonmagie und Unterstützung bei der Aufbereitung der Audio-Datei. Mehr von ihm findet ihr hier.

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